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Interessante Forschungen in der Augenmedizin zum Thema Glaukom

 

 

Lesen Sie hier einen Artikel aus der "Rheinpfalz am Sonntag" vom 14.07.19, Seite 23:

 

Wenn die Pupille wie die Farbe des Meeres wird, fiel schon vor fast 2400 Jahren dem griechischen Arzt Hippokrates auf, "ist das Augenlicht zerstört“. Glaukom – Eulenauge – nannte der berühmtesteHeilkundlerseinerZeitdie Krankheit, gegen die weder Aderlass, Kräuterkissen noch ein anderes Mittel helfen wollte. Ein Rätsel blieben ihmauchdieUrsachendesLeidens. Erstim19.Jahrhundertreimtesich derdeutscheMedizinerAlbrechtvon Graefe zusammen, dass der hart gespannte Augapfel der Patienten und die Erblindung irgendwie zusammenhängen könnten. Der Sehnerv, vermutete er, werde beim Grünen Star durch einen erhöhten Druck im Auge abgeklemmt. Dadurch gehen die Ganglienzellen zugrunde, die als eine Art Relaisstation die Sinneszellen in der Netzhaut des Auges mit demHirnverbinden. Für die meisten Augenheilkundler standseitherfest:OhneerhöhtenAugeninnendruckkeinGlaukom–dementsprechend eindringlich wurden diePatientenzurregelmäßigenMessungihresWertesaufgerufen.Nurauf diese Weise, so die vorherrschende Meinung, ließe sich die Krankheit frühzeitig erkennen und das AbsterbenderNervenzellenaufhalten. Was allerdings noch nie ins Bild passen wollte: Immer wieder tauchtenBetroffeneauf,dietrotzganznormalenDrucksdiegleichenZerstörungen zeigten. Gleichzeitig gebe es auf deranderenSeitevieleMenschen,die selbst höchste Drücke ohne Schaden überstehen, erzählt Norbert Pfeiffer, derDirektorderAugenheilkundeder Universitätsklinik Mainz. Und es scheintauchnichtjedemBetroffenen zuhelfen,wennderArztfürEntspannung im Augapfel sorgt. "All das spricht dafür: Der Druck allein kann es nicht immer sein, der zur Erblindung führt. Die Ursachen müssen komplexersein“,sagtderExperte. Amerikanische Wissenschaftler behaupteten vor Kurzem, sie hätten eine Erklärung für diese Widersprüchegefunden.IhrerMeinungnachist derGrüneStarwenigereinmechanischesProblem,vielehereineAutoimmunkrankheit,wiesieinderFachzeitung "Nature Communications“ schreiben. Sollten die Forscher recht behalten, wäre das sowohl für die Früherkennung wie für die BehandlungeineRevolution. HuihuiChenvonderHarvardMedical School in Boston, Massachusetts, hat beobachtet, dass bei ansteigendem Augeninnendruck plötzlich Abwehrzellen in der Netzhaut auftauchen. Jedenfalls gilt das für Mäuse. Womöglich, so seine Schlussfolgerung, löst der Druck eine Immunantwort aus, die sich gegen den eigenen Körper richtet. Durch die Verletzungen,diedersteigendeDruckdemAugezufügt,wirddasImmunsystemmit ungewohnten Veränderungen im Aufbau des Auges konfrontiert. Und die werden irrtümlicherweise als fremderkanntundattackiert. WasdieseTheorieunterstützt:Nager, denen T-Lymphozyten – eine Gruppe weißer Blutzellen – fehlten, WenndasLichtschwindetL angegaltderGrüneStar alsFolgeeineserhöhten Augeninnendrucks.Jetzt deutetsichan:DasGlaukom könntewomöglicheine Autoimmunkrankheitsein. VonMichaelBrendler blieben in Chens Experimenten gesund.ÄhnlicheAbwehrzellen,diegegen den eigenen Körper vorgehen, seien auch bei Normaldruck-GlaukomenamWerk,glaubtderUS-Wissenschaftler. Dafür sprechen unter anderem die Ergebnisse von Norbert Pfeiffer und seinem Kollege Franz Grus. Die beidenMainzerForscherhabensogarbei gesunden Menschen Antikörper gefunden, die sich gegen Netzhaut und Sehnerv richten. Nur wird bei ihnen diese Immun-Attacke durch andere Antikörper neutralisiert. "Bei Glaukompatienten scheint die Mischung dieser Eiweiße nicht mehr zu stimmen“, vermutet Pfeiffer. Inzwischen kannderMainzerAugenarztausdem Muster,dasdieAntikörperinderTränenflüssigkeithinterlassen,herauslesen,obeinGrünerStarvorhandenist –nochbevorandereTestsdasbemerken. Das Antikörpermuster verrät Pfeiffer auch, ob ein erhöhter Augeninnendruckdahintersteckt. Den umgekehrten Weg ging Stephanie Joachim, die die experimentelle Augenforschung der Universität Bochumleitet.SiehatbislangfriedlicheAbwehrzellenzuNetzhautzerstörerngemacht,indemsieRattengenau die Eiweiße spritzte, gegen die sich die Antikörper richten. Hintergrund: Bei toten Glaukompatienten finde man in der Netzhaut die Spuren genau dieser Immunreaktionen, hat Joachim beobachtet. Außerdem geht eineAutoimmunkrankheithäufigmit einer anderen einher – und ebenfalls miteinemGrünenStar. Nicht alle kann das überzeugen: "MeinerMeinungnachsinddieAutoimmun-ReaktionenbeimGlaukomin derRegelnichtdieUrsachedesProblems, sondern nur eine Begleiterscheinung“,meintJosefFlammer.Abwehrzellen und Antikörper fänden sich genauso bei anderen zerstörerischen Nervensystem-Erkrankungen wie dem Morbus Alzheimer, so der ehemalige Chef der Augenklinik am Universitätsspital Basel. Und auch in diesenFällenseinichtgeklärt,obdas Immunsystem nicht einfach nur auf denZelluntergangreagiert. Flammer geht stattdessen davon aus,dassdasProblemvonMenschen mit einem Normaldruck-Glaukom anderswo liegt: Womöglich werden die Augenarterien nicht richtig reguliert.WeildeshalbdieNetzhautnicht immerausreichendmitBlutversorgt wird, ersticken die Ganglienzellen – dieRelaisstationen–gewissermaßen inihremeigenenAbfall. VielleichtmüssensichbeideTheorien aber auch nicht widersprechen. DenndasGlaukomisteineKrankheit, die auf den verschiedensten Wegen zustandekommen könnte, wie unter anderem der Forscher Norbert Pfeiffer glaubt. Bei den einen spielen die Gefäße verrückt, bei den anderen steckt eine Autoimmun-Attacke dahinter. Bei den meisten jedoch, sagt er, steht der Überdruck im Auge zumindestamAnfangdesProblems. Das gilt Studien zufolge vor allem für diejenigen Patienten, deren Auge dünnwandig gebaut ist, weshalb es dem Druck schlechter widerstehen kann. Bislang gibt es für alle möglichen Ursachen aber nur eine einzige Behandlungsmöglichkeit: die Senkung des Innendrucks durch eine OperationodermitMedikamenten. Doch auch das hilft nicht jedem. "Nur, bei jedem dritten Betroffenen kann man den Druck kaum noch tiefer senken“, gibt Norbert Pfeiffer zu bedenken, "der ist schon sehr tief.“ Dass die Krankheit bei ihnen trotzdem weiter voranschreitet, würde durch eine Autoimmunreaktion sehr gut erklärt. Womöglich, so Pfeiffers Vision, ließe sich diesen Patienten helfen, wenn man per Impfung oder MedikamentinihrgestörtesAntikörper-Gleichgewichteingreift. PfeifferhatnochweitereIdeen.Das GlaukomisteineschleichendeKrankheit. Weil das Gehirn die ersten AusfällemitTricksüberspielt,fälltbeijedem zweiten Betroffenen die beginSCHLEUSE Das Kammerwasser wird im Auge gebildet und an die hintere Augenkammer abgegeben. Durch die Pupille gelangt es in die vordere Augenkammer und fließt ab durch denSchlemm-Kanal. Hoher Innendruck entsteht meist, wenn der Wasserabfluss gestört ist; ihn reguliert eine Art Schleuse, die verstopfen kann – dasTrabekelwerk. SCHWANKUNG Ein normaler Augeninnendruck liegt zwischen 10 und 21 Millimeter Quecksilbersäule. Schwankungen imTagesverlauf um 5 Millimeter sind normal. Der höchste Augeninnendruck herrscht in der Regel nachts oder in den frühen Morgenstunden. Ältere haben im Schnitt einen höheren Augeninnendruck als Jüngere. |gch DRUCKIM AUGE NACHSCHAUEN Stutzig macht die Forscher, dass Menschen mit ganz normalem Augendruck die gleichenZerstörungen am Sehnervzeigten wie Grüne-Star-Patienten mit hohem Augeninnendruck. Gleichzeitig gibt es viele Menschen, die selbst den höchsten Augeninnendruck ohne Schaden überstehen. FOTO: IMAGO-IMAGES/ MEDICIMAGE Bei Mäusen greift die Immunabwehr das eigene Auge an, wenn der Innendruck steigt. Auch bei Gesunden richten sich Antikörper gegen die Netzhaut – sie werden aber in Schach gehalten. nende Blindheit erst im fortgeschrittenenStadiumauf.MitPfeiffersAntikörper-Testwärewomöglicheinefrühere Diagnose möglich – ganz unabhängigdavon,welcheUrsachehinter demGlaukomsteckt.

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